August in Kambodscha

August in Kambodscha

Im August verbrachte ich auf Einladung von Daran Kravan, dem Präsidenten der Khmer Anti Poverty Party, einige Tage in Kambodscha. Ich kenne Daran von einem Besuch, den er mir im Mai im Europäischen Parlament in Brüssel abstattete. Er lebt normalerweise in den USA, wo er wie viele andere Flüchtlinge aus seinem Land Zuflucht fand. Seine Flucht glich einer Odyssee und es grenzt an ein Wunder, dass er überlebte. Wie viele andere, die in die Flucht getrieben wurden, möchte er in seine Heimat zurückkehren und sie zum Positiven verändern.

In Kambodscha spielte sich eine der ganz großen Tragödien des 20. Jahrhunderts ab. Zunächst wurde das Land trotz des Versuchs neutral zu bleiben in den Vietnamkonflikt hineingezogen. Der Vietkong führte seine Waffenlieferungen über kambodschanisches Territorium durch. Die USA, die damals von der fixen Idee beseelt waren, dem Kommunismus keinen Millimeter nachgeben zu dürfen, wurden durch den Vietnamkrieg in ihre erste militärische Niederlage hineinmanövriert. Kambodscha kam am Ende dieses Dramas ins Spiel und wurde zum Zielpunkt großflächiger, systematischer Bombardements. 2.756.941 Tonnen Bomben töteten innerhalb eines Jahres mehr als 200.000 Menschen.

Amerika wollte Stärke zeigen, wie wir das ja auch aus der Gegenwart kennen. „Tough“ zu sein ist freilich kein Programm. Die amerikanische Politik wollte alles auf einmal erzwingen, mit größtmöglichem Materialeinsatz und ohne Rücksicht auf Verluste. Eine derart unsensible Vorgangsweise empörte die Betroffenen und machte sie zu Feinden Amerikas. So wie heute die Talibans und Al Kahida nutzten das extremistische Gruppen  für ihre Propaganda. Die Khmer Rouge wären ohne die verfehlte Politik der USA niemals an die Macht gelangt.

Folterzentrum in Kamboscha

Die Herrschaft der Khmer Rouge über ganz Kambodscha dauerte nur vier Jahre, aber sie verwüstete das Land für viele Generationen. Rund ein Viertel der Bevölkerung wurde ermordet. Zumeist ganz systematisch in sogenannten „Killing Fields“ , auf die die städtische Bevölkerung zwangsdeportiert wurde. Pol Pot, Bruder Nr.1 träumte von einer agrarkommunistischen Gesellschaft. All jene, die dem entgegenstehen hätten können, wurden als Klassenfeinde liquidiert. In Folterzentren wie dem berüchtigten Tuol Sleng in Phnom Penh wurden systematisch Schuldbekenntnisse fabriziert.

Dieses unermessliche Morden wurde durch eine Intervention von außen beendet. Vietnam unterstützte ein früheres Mitglied des Khmer Rouge Führungszirkels, Hun Sen, der noch heute Ministerpräsident ist. Ruhe kehrte deswegen nicht ein, wohl auch, weil ausländische Mächte wie China und die USA, Vietnam und die Sowjetunion den Konflikt am Köcheln hielten. Erst 1998, nach zwei weiteren Bürgerkriegen kam es unter UN-Vermittlung zu einem Settlement und damit zu einer gewissen Stabilität.

Seither wird das Land von einer korrupten „Elite“ um Hun Sen beherrscht. Das garantiert, dass sich die Regierenden genauso wie die Tycoons aus dem vietnamesischen Nachbarland und China ungehemmt ihre Taschen füllen können. Zu Lasten der Bevölkerung, natürlich. Die Armutsrate ist hoch, besonders dramatisch ist sie unter Kindern. Ein besonderes Problem stellen die hunderttausenden Invaliden dar, da bei weitem noch nicht alle Landminen beseitig sind. Menschenrechte gelten wenig in diesem Land. Dafür genießen die einstigen Massenmörder die stille Duldung des Regimes. Mühsam quält sich ein Internationaler Gerichtshof durch die Geschichte und hat bisher erst ein Urteil fabriziert. Mehr als dreißig Jahre danach.

Dafür geht man gnadenlos gegen alle vor, die die Machenschaften des Regimes aufdecken, wie der Fall des Umweltaktivisten Chut Wutty zeigt. Er wurde im April ermordet, weil er die illegale Rodung des Regenwaldes öffentlich machte. Kambodscha ist eine Goldgrube für den globalen Kapitalismus. Die Arbeitsbedingungen sind unbeschreiblich. Während meines Aufenthaltes berichtete eine lokale Tageszeitung, dass an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen dutzende Arbeiterinnen, die für H&M tätig waren, wegen Erschöpfung ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Mein Freund Daran zeigte mir all diese Erscheinungen des modernen Kambodscha, brachte mich mit NGOs, Studenten und Medienvertretern zusammen, vor allem zeigte er mir, dass es sehr viele gibt, die sich nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen.

Daran, der die  Khmer Anti Poverty Party gründete und leitet, ist ein guter Mensch, hierzulande würden ihn seine Feinde als Gutmenschen bezeichnen. Er hat einen fast kindlichen Optimismus. Seine Biographie ist beeindruckend und zeigt, dass man selbst in den Momenten größter Erniedrigung Mensch bleiben kann. Selbst gerade seiner Exekution durch die Khmer Rouge entkommen, hatte er mehr als 30 Kindern Schutz gegeben, sie gemeinsam mit seinem 13-jährigen Gehilfen ein halbes Jahr lang versteckt und mit Nahrung versorgt. Dieser lebt in Kambodscha und nennt einen Kleintransporter sein eigen. Damit kann er gerade über die Runden kommen. Sein Leben ist ein ständiger Überlebenskampf. Dennoch hat er unlängst ein Baby adoptiert, das sonst nicht überlebt hätte. Um die Armut zu bekämpfen und die Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, will er Premierminister werden. Mücke gegen Elefant oder David gegen Goliath. Doch das Regime, das sich alle fünf Jahre zur Wahl stellt und dazwischen keine Rede-und Versammlungsfreiheit zulässt fürchtet ihn. Weder durften wir eine Pressekonferenz, noch eine öffentliche Versammlung abhalten. Als wir dies dann in seinem Hauptquartier als Privatveranstaltung etikettiert trotzdem taten, da wurden die Teilnehmer von der Polizei genau beobachtet. Und pünktlich zum Veranstaltungsbeginn fiel auch die Stromversorgung aus. Zwei Tage später erfuhr Daran, dass der Vermieter den Kontrakt auf Druck der Lokalbehörde kündigte. Mit solchen täglichen Widerwärtigkeiten müssen jene rechnen, die sich für ein demokratisches und sozial gerechtes Kambodscha einsetzen.

Menschen wie Daran verdienen unsere tatkräftige Unterstützung. Ich werde versuchen, das Meine dazu beizutragen, vor allem im Europäischen Parlament. An das alles sollten wir auch dann denken, wenn wir uns darüber freuen, wie günstig wir gerade wieder etwas gekauft haben. Oft oder zumeist geht dies zu Lasten der Menschen in „unterentwickelten“ Ländern.

1)    Bree Lafreniere, Daran Kravanh, Music Through The Dark, University of Hawaii Press 2000.

Bilder von der Versammlung in Kambodscha im August 2012

Daran und Joe bei der Versammlung

 

 

Opposition Versammlung Kambodscha

 

Redner bei der Vesammlung

 

 

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