Ambivalenzen

Gepostet am 11. Juli 2009

Eine Episode aus dem EU-Wahlkampf beschäftigt mich unentwegt. Vielleicht, weil da auch ein Schlüssel zur politischen Lösung der “Ausländer-Problematik” liegt.

Ich hatte, so wie wir es immer hielten, wenn es die Zeit erlaubte, meinen Infotisch vor dem Sitz der SP Oberösterreich in der Landstrasse 36 aufgestellt. Und – as usual – gab es rege Diskussionen mit PassantInnen. Ein älterer Herr aus dem Linzer Franckviertel verwickelte mich in eine intensive und emotional geführte Diskussion über den Fall Arigona. Er äußerte sich ziemlich ausfällig über die Familie Zogaj, die den Rechtsstaat erpressen würde, und auch über die seiner Meinung nach “unverständliche” Haltung der Volkshilfe, die Familie zu unterstützen.

Unser Diskurs zog sich eine Weile dahin und wurde auch von den Umstehenden mitverfolgt. Eine Frau machte mich leicht ungeduldig darauf aufmerksam, dass da noch jemand mit mir reden möchte. Ich ersuchte meinen Gesprächspartner, das Gespräch unterbrechen zu dürfen. Er stellte sich zur Seite. Ein etwa vierzigjähriger Mann bosnischer Herkunft erklärte in einwandfreiem Deutsch und emotional sehr erregt, dass er demnächst abgeschoben würde, obwohl er schon viele Jahre in Österreich lebt und arbeitet. Händeringend bat er mich: “Bitte, bitte helfen Sie mir!”

Mein Publikum war betroffen. In die Stille hinein meldete sich jener Herr, der mir gerade vorhin erklärt hatte, wie sehr in Österreich “die Ausländer” bevorzugt würden und meinte ganz vehement: “Diesem Mann muss geholfen werden, macht’s doch was!”

So knapp liegen die Dinge oft beinander. Was ist dieser Mann nun? Ein Ausländerfeind, ein Opportunist oder gar ein verkappter “Gutmensch”? Mit Sicherheit ist er ein potentieller Wähler der Rechtsparteien. Ist er aber auch ein unverbesserlicher Rechter?

Ein Zerissener ist er auf jeden Fall und auch ein Unzufriedener, der vielfach enttäuscht wurde und der nicht weiß, was die Zukunft bringen wird. Er ist einem Trommelfeuer von Vereinfachungen und Schuldzuweisungen ausgesetzt. Er lebt in einer von den Rechten konstruierten Stimmungswolke einer imaginären Volksgemeinschaft, die konsequent und systematisch Realitäten ignoriert.

Die Realität öffnet die Augen, so lehrt unser Beispiel. Warum sprechen wir die Realitäten nicht an, warum schwindeln wir uns an den klaren Antworten vorbei?