Ein Abschied, der keiner ist

Gepostet am 7. März 2019

Man soll seinen Abschied dann nehmen, wenn man am Höhepunkt der Karriere steht, wenn es am schönsten ist. In der Tat habe ich mich noch nie so wohlgefühlt. Irgendwie läuft alles recht positiv – persönlich betrachtet. Es geht mir gut und ich kann ruhig schlafen, wenn mir nicht gerade die Politik unterkommt… Ich fühle mich wertgeschätzt und geliebt. Viele horchen mir zu und nicht wenige wollen sogar meine Ratschläge hören – noch. Also nichts wie weg. Loslassen… all das tun, worauf ich mich schon immer gefreut habe. Einen Vorgeschmack habt ihr ja schon bekommen. Wäre es doch so einfach. Ja, ich freue mich auf die neue Lebensphase. Auf ein zweites Leben, das allerdings viel kürzer als das Erste sein wird. „Werde, der du bist“, so haben die alten Griechen die Aufgabe umschrieben, die auf mich zukommen wird. Wer bin ich denn? Gar nicht so einfach zu beantworten. Alles was ich bin, bin ich auf jeden Fall nur, weil es andere Menschen gibt, denen ich nicht egal war. Ihr und auch all jene, die heute nicht oder nicht mehr dabei sein können, habt mich zum „Joe“ gemacht. Deshalb bin ich euch allen dankbar. Vor allem meiner Familie, meiner Frau Inge, unseren Kindern und Enkelkindern. Ihr seid mein Mittelpunkt. Meinen Dank könnt ihr durchaus als Drohung verstehen, ich werde ab jetzt viel Zeit für euch haben.

Ganz besonders will ich mich auch bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken. Große Dinge lassen sich nur mit einem motivierten Team erreichen. Es war ein großartiges Gefühl zu erfahren, dass die vielen Erfolge, die es in diesen 7 1/2 Jahren gab, von euch immer als u n s e r e Erfolge empfunden wurden. Darüber habe ich mich eigentlich mehr gefreut als über die Erfolge an sich: Danke Becci und Michi und Joe und Anna! Stellvertretend für alle mit denen ich in Brüssel, Linz und Wien zusammenarbeiten durfte: den parlamentarischen MitarbeiterInnen, den PraktikantInnen – mehr als 80 waren es über die Jahre – und den Advisern in der Fraktion und in den Ausschüssen. Eure Begeisterungsfähigkeit und eure Loyalität haben mich stark gemacht. Und das hat ausgestrahlt. Nie werde ich den Wahlkampf 2014 vergessen. Fast 30.000 Vorzugsstimmen waren der Lohn dafür. Ich habe erfahren dürfen, wie viel Gutes es gibt: Wie viele gute Menschen, die man heute zynisch als Gutmenschen denunziert, weil es ihnen nicht egal ist, wie es den anderen, den Mitmenschen geht und weil sie bereit sind sich für andere einzusetzen. Es war wie eine Verjüngungskur für mich. Das Vertrauen, das mir in den vielen Gesprächen entgegenschlug und die Gefühle, die sich dabei entwickelt haben, das treibt mich seither an. Es lodert wie ein Feuer.

Woher ich komme

Es tut mir leid, dass ich mit der Übernahme von immer mehr Verantwortung in der Fraktion nicht mehr so häufig nach Hause kommen konnte und die Intensität des Kontakts zu meiner Basis weit nicht dem entsprochen hat, wie ich gerne gehabt hätte. Aber jetzt bin ich zurück. Ihr seid meine Heimat. Ja Heimat. Ich halte nichts davon, diesen Begriff herunterzumachen und lasse ihn mir auch von niemandem wegnehmen, schon gar nicht von jenen, die damit andere ausgrenzen wollen. Für mich bedeutet Heimat Vertrautheit und Zugehörigkeit. Niemand hat das Recht daraus abzuleiten, er wäre besser als die anderen. Heimat hat etwas Utopisches, in die Zukunft gewandtes, an sich und ist im Sinne Ernst Blochs nichts Fertiges, sondern etwas das gestaltbar ist, ein Ort der Möglichkeiten, „der allen gleichsam in die Kindheit scheint.“

Ich bin in einem kleinen Innviertler Dorf, nahe der bayerischen Grenze, aufgewachsen. Ein richtiges Dorf, wie man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann. Die sozialen Gegensätze waren allgegenwärtig. Die Nachbarn, die im nahen Steinbruch arbeiteten, wurden nicht alt, weil die Silikose- eine Berufskrankheit- ihre Lungen zerfraß. In unserem kleinen Haus waren zwei Flüchtlingsfamilien untergebracht, auf engstem Raum. Meine Mutter betrieb eine Krämerei, die sie stolz Gemischtwarenhandlung nannte. Das Geschäft war Umschlagplatz für alles Mögliche, hier erfuhr man die täglichen Neuigkeiten und die Männer ertränkten ihren Kummer mit Bier und Schnaps. Mitunter artete das dann aus. Innviertel… Meine Mutter hat all diese Situationen souverän gemeistert. Als Kind habe ich das alles registriert, hielt mich still und hörte zu. Das meiste verstand ich nicht, Russland, Stalingrad, die Juden… Ein negativer Unterton gegenüber dem Neuen, das ins Dorf einzog, ließ alles positive Bemühen sinnlos erscheinen. Nichts war diesen alten Männern recht, sie wussten es immer besser. Irgendwann bekam ich einen Atlas geschenkt und ich lernte die Welt buchstäblich auswendig. Ich las alles, was mir in die Hände kam. Fernsehen gab es noch nicht, aber einen Radioapparat. Meistens haben wir den Bayerischen Rundfunk gehört. Und ich konnte und wollte nicht begreifen, dass auf der anderen Seite des Inns ein anderes Land sein sollte. Seit meiner frühen Kindheit hasse ich daher Grenzen.

Ich wollte etwas anderes sehen, aus meiner kleinen Welt ausbrechen. Als mich meine Eltern im Stiftsgymnasium Kremsmünster anmeldeten war ich überglücklich. Nicht wissend, was es bedeutet, wenn man als 10- Jähriger seine Eltern nur alle heiligen Zeiten sehen kann. Ich war zunächst beeindruckt, von den großen prunkvollen Gebäuden und dem barocken Überfluss, allerdings fühlte ich mich bald einsam und verlassen, weinte viel und sehnte mich nach der Einfachheit meines Dorfes. Aber es ging nicht nur mir so. Bald entdeckten wir, wie wichtig Gemeinschaft ist. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung, dass es gemeinsam viel leichter auszuhalten war. Gegen 30 Knirpse, die zusammenhielten, hatte auch ein autoritärer Konviktspräfekt keine Chance. Das hat mich geprägt und ich habe auch gelernt, dass Widerstand subtil sein muss. Und dass man nur dann an Statur gewinnt, wenn man nicht alles mitmacht. Für mich waren die acht Jahre Klosterschule prägend. Katholizismus total. Negativ und positiv. Das zweite Vatikanum hat bei mir tiefe Spuren hinterlassen. Aggiornamento das klingt noch heute nach. Und der Unterricht in Latein und Altgriechisch. Die beiden Sprachen habe ich weitgehend vergessen. Nicht aber die Themen. Eine Figur begleitet mich seither: Antigone, die Mutter der Menschenrechte. Sie hat mich auch im Alter von 16, 17 Jahren zu Bertolt Brecht geführt. Er der große Vereinfacher hat ihr in den Mund gelegt, was mich seither nie mehr loslassen sollte: „Nicht zu hassen, zu lieben sind wir geworden“.

1968

Ja wir haben damals in der Klosterschule Brecht, Kafka gelesen, haben von Horkheimer und Adorno gehört. Draußen brodelte es, es war 1968 und einfach nicht mehr auszuhalten. Ich bin dann noch vor der Matura aus dem Internat geflogen, weil wir nach einem nächtlichen Ausflug beim Klettern über die Klostermauer erwischt wurden. Für mich war es zwingend nach bestandener Matura Soziologie zu studieren. An der neugegründeten Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, der späteren JKU, hoffte ich das Handwerkszeug für einen Revolutionär erwerben zu können. Es ist jetzt auf den Tag genau 50 Jahre her, dass ich dem VSStÖ beigetreten bin. Damals war alles viel provokativer. Mein erster revolutionärer Auftritt endete überraschend. Ich sollte die Vorlesung eines Professors stören. Es gelang mir leider nicht, weil er mich in eine Diskussion verwickelte und mir anbot, mich in seine Lehrveranstaltung einzubringen. Später sollte ich sein Assistent werden. Es handelte sich um den Historiker Karl R. Stadler, der für mich wie kein anderer das Gute an der Sozialdemokratie verkörperte. Er konnte 1938 vor den Nazis nach England fliehen, wurde mein persönlicher Zugang zur Welt des Austromarxismus und zu jenen Frauen und Männern, die diese dunklen Jahre überlebten: Christian Broda, Hans Zeisel, Eric Hobsbawn, Hertha Firnberg, Marie Jahoda und viele andere. Er sammelte junge Leute um sich. Wir waren ein ambitioniertes Team, das die Universität und die Welt verändern wollte. Alles auf einmal am besten. Nicht um die Haupt- und Staatsaktionen sollte es gehen, sondern um den Beitrag der einfachen Menschen, um eine Geschichte von unten. Wir durften die Geschichte der Arbeiterbewegung neu schreiben, experimentierten, publizierten und dozierten. Wollten die Mauern einreißen, die die wissenschaftlichen Disziplinen um ihr vermeintliches Expertentum errichtet hatten. Und die wissenschaftliche Lehre sollte nicht auf die Universität beschränkt sein, sondern allen offen stehen.

In der Gewerkschaftsschule zu unterrichten war eine besondere Auszeichnung. „Extramural Studies“ hieß das in der britischen Tradition. Stadlers akademische Heimat war England. Und er machte diese damit auch zu unserer. Wissenschaftlicher Austausch, Forschungsaufenthalte, Know-how Transfer, alles Mögliche passierte. Das Museum Arbeitswelt in Steyr ist ein direktes Ergebnis dieser Symbiose. Und meine Überzeugung, dass Großbritannien ein fixer Bestandteil des europäischen Projekts bleiben muss. Allen Widerwärtigkeiten und Verrücktheiten zum Trotz.

Etwas vom Glück zurückgeben

Die Begegnung mit Karl R. Stadler hat mich auch persönlich bereichert. Jedes Mal wenn ich in Kehl den Rhein überquere, muss ich an ihn denken. Einmal erklärte er mir, warum man immer für die Sorgen der Menschen offen sein müsse. Das hätte er sich geschworen, als ihn die deutsche Polizei, bei seiner Flucht im März 1938, aus dem Zug in Richtung Paris holte und ihn im Grenzbahnhof verhörte. Nachdem man ihm nichts nachweisen konnte, bot man ihm an, den nächsten Zug abzuwarten. Er traute dem nicht und fragte, ob er zu Fuß über die Brücke nach Straßburg gehen dürfe. Das wäre wie eine Ewigkeit gewesen und er hätte damals gelobt, dass er das mit guten Taten zurückzahlen würde. Wie oft sollte ich später noch Ähnliches von Geflüchteten hören: im Jugoslawienkrieg, im Irak oder entlang der Balkanroute. Wenn man Glück gehabt habt, dann soll man dankbar sein und anderen Menschen helfen. Vielleicht sollte ich nochmals Brecht bemühen: „Stark ist, wer Glück hat. Ein guter Kämpfer und ein weiser Lehrer ist einer mit Glück. Glück ist Hilfe.“

Universität, Volkshilfe. Volkshilfe und Politik. Ich war sehr jung, als ich Universitätsprofessor wurde und damit über alle Maßen privilegiert. Ich habe viel erreicht und bewegt. Eigentlich hätte ich mich damit begnügen können. Aber warum wollte ich in die Politik? Anlass war ein Gastsemester an einer britischen Hochschule Anfang der 80-er Jahre. Ich erlebte, welch verheerende Folgen die neoliberale Politik Margaret Thatchers in den englischen Industrieregionen angerichtet hatte. Zurückgekommen beschloss ich, meine akademische Zurückhaltung aufzugeben. Ich wollte ein politisches Amt. Entscheidungen treffen und nicht bloß analysieren und kommentieren. Ich war naiv. Ich glaubte, meine Partei würde sich über diese Entscheidung freuen. Mitnichten. Bisherige Freunde begegneten mir plötzlich mit Argwohn und Misstrauen. Auf einmal gehörte ich nicht mehr dazu, wurde ausgegrenzt, belächelt, totgeschwiegen. Wenn ihr ehrlich seid, die meisten von uns kennen das. Zunächst war ich enttäuscht, aber dann beschloss ich, so wie ich das in meiner Innviertler Kindheit gelernt hatte, stur zu bleiben. Oft hörte ich, lass es doch bleiben. Das spornte mich erst recht an. Fast ein Vierteljahrhundert dauerte dieser Zustand. Ich habe viel gelernt in dieser langen Zeit. Ich bin niemandem böse. Und ich bin froh, dass es am Ende geklappt hat.

Die Zeit wird knapp

Ja, meine lieben Freundinnen und Freunde, die ihr heute mit mir dieses Fest feiert. Die Sozialdemokratie bedeutet mir unendlich viel, ich bin sehr stolz darauf, hier meinen Platz gefunden zu haben. Aber es steht nicht gut um sie. Und das ist gar nicht gut. Gerade jetzt würden wir sie brauchen – stark und zielorientiert, in der Lage, Menschen zu begeistern, sie zum Mitmachen zu bewegen. Auch und gerade von außerhalb unseres immer kleiner werdenden Biotops. So wie damals 1970, als ich Mitglied der SPÖ und das Dorf meiner Kindheit sozialdemokratisch wurde. Wo Zuversicht und Optimismus die Schatten der Vergangenheit und Weltoffenheit und Neugierde die retrospektive Engstirnigkeit verdrängten. Heimat Sozialdemokratie – das wünsch ich mir zurück. Wo alle Menschen gleich und nicht von geschürten Ängsten verunsichert sind, wo vernünftig über Probleme geredet wird und die Suche nach Wahrheit die Politik bestimmt und nicht die Lüge. Wo Herz und Hirn den Kurs bestimmen und nicht die ausgefahrenen Ellbogen. Wo Gutmensch kein Schimpfwort, sondern eine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Das alles wäre möglich, wenn wir bereit wären über unseren Tellerrand zu blicken und uns aus unseren vor Selbstgerechtigkeit triefenden Meinungsblasen herauszuwagen. Wenn, wenn, wenn …. Viel Zeit haben wir nicht und bald könnte es zu spät sein.

Machen wir uns nichts vor, wir leben in bedrohlichen Zeiten. Ich sage das jetzt ganz bewusst: Die 30er Jahre sind zurück. Das große Böse ist gar nicht mehr so fern. Jederzeit ist es möglich, nicht nur, weil sich die kleinen Schritte, von denen Michael Köhlmeier gesprochen hat, besorgniserregend häufen. Der politische Betrieb ist weltweit außer Kontrolle geraten. Fast überall sind die Sprücheklopfer und Kraftmeier an die Macht gekommen, überall sind es Männer. Aufgeblasene Egos, testosterongesteuerte „Strongmen“ wohin man schaut. Hauptsache laut und Regeln gelten nur dann, wenn sie einem persönlich nutzen. So wie im Sandkasten. Und da fallen mir wieder die fatalistischen Männer aus der Flaschenbierhandlung meiner Mutter ein. Endlich verstehe ich sie, die durch Hitlers Krieg körperlich und seelisch versehrten Männer. Als wollten sie uns nur eines sagen: Wir haben unsere Jugend verloren, weil wir uns verführen ließen. Und genauso kann es wieder passieren. Wir werden diesen Prozess nicht stoppen können, wenn wir uns vom Besserwissertum, moralischem Rigorismus oder gar verantwortungslosem Opportunismus leiten lassen. Auch wenn es banal klingen mag: wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen und die vermeintlich kleinen Dinge zur Haupt- und Staatsaktion machen. Das geht nur, wenn wir die Menschen beteiligen. Auf allen Ebenen. Daher Parteireform jetzt und nicht irgendwann. Wir müssen bereit sein für eine radikale Veränderung des politischen Betriebs. Wir brauchen eine neue Republik. Schluss mit der Infantilisierung der Politik, mit Angstmacherei und permanenter Message Control. Um das zu erreichen, brauchen wir ein breites Bündnis, das quer über die politischen Lager, ideologischen Gräben und religiösen Verwerfungen reicht. Fangen wir doch endlich an, einander zu zuhören, und hören wir auf damit, immer nur nach dem Trennenden zu suchen. Es gibt viel mehr Gemeinsames, im positiven Sinn Verbindendes.

Die nächsten Jahre werde ich mich mit viel Leidenschaft und mit meiner bescheidenen Erfahrung dieser Aufgabe widmen. Ich will Menschen zusammenbringen, die vielleicht sonst nicht miteinander reden würden. Auf das freu ich mich und da zähle ich auf euch alle. Es ist Zeit, dass wir aus unserer Schockstarre erwachen. Es ist Zeit für Bewegung. Und im Übrigen halte ich mich an Immanuel Kant: Optimismus ist eine moralische Verpflichtung. Danke, dass ihr mir zugehört habt.