Am Strand von Rhodos

Gepostet am 19. Juli 2010

Eine Woche habe ich mich nun am Strand von Lindos auf der Insel Rhodos dem Faulenzen hingegeben. Stundenlang am Stand zu liegen hat – entgegen vorher zur Schau gestellter Skepsis – durchaus seine wohltuenden Effekte. Vor allem, wenn man etwas Interessantes zum Lesen mit hat.

Diesmal hatte ich Golo Manns voluminöse Wallenstein-Biographie im Gepäck. Ein großartiges Geschichtswerk, das biographische Einfühlsamkeit mit luzider Kenntnis komplexer Machtverhältnisse verknüpft und durch einen virtuosen Erzählstil fesselt. Obwohl seit dieser vor allem für Deutschland verheerenden Katastrophe schon beinahe vier Jahrhunderte vergangen sind, gelang es mir nicht, einfach in die Geschichte abzutauchen, wie ich es mir eigentlich zum Vorsatz gemacht hatte.

Der Dreißigjährige Krieg ist das erste große europäische Drama. Seine „Helden“ kommen aus allen Teilen des Kontinents: Sie heißen Wallenstein, Tilly, Pappenheim Trcka, Kinsky, Piccolomini, Oxenstierna, Richelieu, etc. Es sind erbitterte, zum Äußersten entschlossene Gegner. Und dennoch haben sie etwas gemeinsam: die Obsession, durch auf Entscheidungsschlachten zugespitzte kriegerische Auseinandersetzungen den ersehnten Frieden erzwingen zu wollen. Wäre das Ergebnis nicht so furchtbar gewesen – Deutschland mochte sich für lange Zeit nicht von den Folgen dieses Gemetzels erholen – so müssten wir diesen Kriegshelden noch heute unendlich dankbar sein.

Weil sie uns ein für allemal klargemacht haben, dass nicht der Krieg zum Frieden führt. Nur die Politik und der ihr inhärente Kompromiss vermögen das. Es hat noch Jahrhunderte gedauert, bis Europa das auch wirklich kapiert hat und sich zum Verzicht auf kriegerische Konfliktlösungen durchgerungen hat. Das alles geht mir immer wieder durch den Kopf, während ich von Golo Manns Erzählkünsten gefesselt, auf meiner Strandliege die Tage vorbeigehen lasse.

Wenn ich mich von meinem Buch löse, dann höre ich den Menschen am Strand zu. Sie sprechen Griechisch, Italienisch, Französisch, Polnisch und Tschechisch (zumindest glaube ich, das heraushören zu können), Englisch in allen Variationen und natürlich Deutsch (Ossi, Wessi, Ösi). Der Schlachtenlärm aus meinem Buch löst sich in ein friedliches Nebeneinander auf und aus den einstmals belagerten Befestigungen sind kunstvoll angelegte Sandburgen geworden.