Von Srebrenica lernen: Europa – was sonst?

Gepostet am 11. Juli 2012

Am 11. Juli 1995 nahmen bosnisch-serbische Militärs die unter dem Schutz der Vereinten Nationen stehende Enklave Srebrenica ein, in die sich mehr als 20.000 schutzsuchende Bosniaken geflüchtet hatten. In der Folge kam es zu einer systematischen Ermordung von über 8.000 Männern und zum schrecklichsten Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich habe anlässlich des Sozialpolitischen Aschermittwochs der bayerischen Arbeiterwohlfahrt im Februar 2012, bei der die Frauen von Srebrenica mit dem Inge Gabert Preis ausgezeichnet wurden, eine Rede gehalten. Diese stellt die schrecklichen Ereignisse in einen europäischen Zusammenhang.

Auszüge aus der Rede: “Europa – was sonst?

Oder die ständige Neuerfindung Europas”

Ich war noch nie in Srebrenica. Aber ich war in Gorazde. Beides sind Städte in Ostbosnien, an der Drina gelegen, beide Städte waren Gegenstand brutaler Belagerung durch serbische Kräfte während des Jugoslawienkrieges und standen damals unter dem halbherzigen Schutz der Vereinten Nationen. Ich war nur kurz in Gorazde und traf mich mit den politisch Verantwortlichen, in einem Lokal direkt an der Drina. Es waren Männer, stolze Männer.

Das Verbrechen von Srebrenica

In Srebrenica gibt es keine stolzen Männer. Srebrenica ist der Ort eines der grauenvollsten Verbrechen im heutigen Europa. 8000 seiner Männer wurden systematisch auf bestialische Weise gemordet. Genozid nennt das Völkerrecht ein solches Verbrechen, dessen Tatbestand darin besteht, „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören.“ Genau das geschah in den Julitagen des Jahres 1995 in Srebrenica. Mitten in Europa, vor den Augen der ganzen Welt.

Europa als Bewältigung vergangenen Schreckens

Europa ist vor allem eine Baustelle. Der ständige Versuch, den Einsturz und das Zusammenbrechen zu verhindern, indem man Provisorien einzieht, Notlösungen vornimmt und zuweilen kühne Konstruktionen zulässt. Europa ist das stetige Bemühen, überall dort Brücken zu bauen, wo sich unüberwindbare Gräben auftun.

Brücken werden zumeist aus materiellen Überlegungen errichtet, um Handel zu treiben, um miteinander in Kontakt zu treten. Einmal errichtet werden sie bald zur Selbstverständlichkeit. Erst wenn sie zerstört sind, merkt man, wie wichtig sie sind. Wie die Brücke von Mostar, die Brücke über die Drina in Vysegrad oder die Donaubrücke in Novi Sad.

Europa ist geworden, es wurde nicht auf dem Reißbrett konzipiert. Es ist gewachsen aus der Einsicht der Menschen, etwas falsch gemacht zu haben. Das zugrundeliegende Motiv: es besser zu machen und die Selbstzerfleischung nicht mehr zuzulassen.

Es gab viele Anläufe zu einem gemeinsamen Europa. Zunächst blieb dies auf wenige Weitsichtige beschränkt. Die Mehrheit erlag nur allzu leicht immer wieder dem berauschenden Gift des Nationalismus. Von Niederlage zu Niederlage freilich schwoll das Lager der Einsichtigen an. Die große Katastrophe des Zweiten Weltkriegs erlaubte schließlich einen Paradigmenwechsel, einen Neubeginn.

Die vollständige Rede zum Nachlesen- PDF-Download